Ausstellungen

 

Füssli. Mode – Fetisch – Fantasie

Sechzehn Jahre nach der letzten grossen Retrospektive zu Johann Heinrich Füssli («Füssli – The Wild Swiss», 14.10.05 – 8.01.06) war es an der Zeit, diesen Schweizer Ausnahmekünstler (1741 – 1825) erneut in seiner Geburtsstadt zu würdigen. Diesmal allerdings mit einem besonderen Fokus auf die Technik, indem ausschliesslich Zeichnungen zu sehen waren, sowie auf das verhandelte Sujet: Füsslis geradezu obsessive Beschäftigung mit der modisch gekleideten Frau seiner Epoche.

Die Auseinandersetzung mit dem zeitgenössischen Frauenbild hat sich massgeblich in seinen Zeichnungen abgespielt: Darin schildert er das weibliche Gegenüber hocherotisiert, in eleganter Gewandung und mit Frisuren, die exzentrischer kaum sein könnten. Wir begegnen der modernen Frau in diesen Arbeiten als Figur des Geheimnisses und der starken Anziehungskraft, wobei aus nahezu sämtlichen Werken eine Mischung aus Faszination und Unbehagen seitens des Künstlers spricht. Beredt sind in diesem Zusammenhang auch Füsslis Wunschprojektionen kraftstrotzender Männerakte, denen hier das Bild von gebieterisch und unnahbar auftretenden Frauen gegenübersteht.

Auch wenn wir den Darstellungen durch Querverweise auf die zeitgenössische Mode ihren kulturgeschichtlichen Ort zurückgaben, war es nicht das Ziel der Ausstellung, die den Zeichnungen inhärente psychische Spannung zu negieren, im Gegenteil: Füsslis ambivalente Faszination für die weibliche Sexualität eröffnete dem Publikum einen weitreichenden Blick auf die Ängste des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts in Bezug auf Geschlecht, Macht und Identität.

Die Ausstellung entstand in Kooperation mit The Courtauld, London, wurde von David H. Solkin entwickelt und leicht abgewandelt in Zürich präsentiert. Die deutsche Ausgabe des begleitenden Katalogs erschien im Verlag Scheidegger & Spiess, die englische Ausgabe bei Paul Holberton Publishing, London.

Unterstützt von der Elisabeth Weber-Stiftung, der Boston Consulting Group sowie von Albers & Co AG. Der Katalog wurde unterstützt von der Wolfgang Ratjen Stiftung, Vaduz.

Jonas Beyer, Kurator

VIDEOS AUS DER SAMMLUNG: HANNAH WEINBERGER

Das Kunsthaus Zürich besitzt eine der wichtigsten Medienkunstsammlungen in der Schweiz. Die Sammlung umfasst über 600 Werke seit den 1970er-Jahren bis heute. Dazu gehören sowohl Single-Channel-Videos wie auch Installationen und digitale Kunstwerke.

Im Frühjahr bot sich die Möglichkeit, eine raumumfassende Installation der jungen Schweizer Künstlerin Hannah Weinberger (*1988 in Filderstadt) im Kabinett zu zeigen. Die unbetitelte Arbeit kam 2017 als Geschenk der Dr. Georg und Josi Guggenheim-Stiftung in die Sammlung. Die Stiftung hatte die Künstlerin im Jahr zuvor mit dem Guggenheim-Kunstpreis ausgezeichnet.

Hannah Weinberger schafft mit ihren Sound- und Video­installationen immersive Erfahrungsräume. Ihre Filme entstehen jeweils als persönliche Momentaufnahmen auf Reisen und werden von der Künstlerin meist mit ihrem eigenen Handy festgehalten. Die bewegten Bilder fügen sich über mehrere Kanäle zu einer assoziativ verdichteten Gesamtkomposition zusammen und geben ein stimmungsvolles Porträt unserer heutigen Zeit wieder.

Hannah Weinberger lebt und arbeitet in Basel. Sie studierte an der Zürcher Hochschule der Künste, wo sie 2013 mit einem Master of Fine Arts (Vertiefung Mediale Künste) abschloss.

Mirjam Varadinis

 

RE-ORIENTATIONS. EUROPA UND DIE ISLAMISCHEN KÜNSTE, 1851 BIS HEUTE

Die Ausstellung «Re-Orientations. Europa und die islamischen Künste» veranschaulichte die Bedeutung der islamisch geprägten Kulturen für die bildenden und angewandten Künste in Europa. Der Islam ist seit Langem Teil der europäischen Kultur und hat sich daher auch im Werk zahlreicher Kunstschaffender Europas niedergeschlagen. Die Schau nahm eine Form der Rezeption der islamischen Welt ins Blickfeld, die als «Islamophilie» bezeichnet wird. Den Anfang machten Gelehrte und Sammlerinnen, die sich für die islamischen Künste begeisterten. In der Folge übertrug sich die Faszination auf Kunstschaffende. Diese Islamophilie wurde in der Ausstellung als Phänomen eines transkulturellen Prozesses verstanden – ein Prozess, der zu einer kulturellen Vielfalt führt, die ihrerseits von Überschneidungen und Unterschieden geprägt ist.

Nach einem Symposium 2020 in Zürich erarbeitete Kunsthaus-Kuratorin Sandra Gianfreda die Ausstellung, begleitet von einem wissenschaftlichen Beirat, im Austausch mit zahlreichen Fachleuten. Die spannenden Ergebnisse wurden in einem umfangreichen Katalog festgehalten, der im Hirmer Verlag erschienen ist. Die Ausstellung war eine exklusive Eigenproduktion des Kunsthaus Zürich. Der Fokus lag auf dem Zeitraum von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis heute. Für jede Epoche wurden beispielhafte künstlerische Positionen ausgewählt. Die Ausstellung gliederte sich in sechs thematische Bereiche: 1. «Die Wiederentdeckung des ‹Orients›» mit Fokus auf der Bedeutung des Ornaments; 2. «Orientalismus – Zwischen Sehnsucht und Stereotypen» mit Fokus auf unbekannte Facetten des Orientalismus; 3. «Sammlungen im Fokus» mit fünf historischen Sammlungen aus Deutschland, Frankreich, der Schweiz und aus Portugal; sie stellten die ästhetische Vielfalt der islamischen Künste vor; 4. «Keramik und Glas» sowie «Textil- und Möbeldesign» mit fünf Meistern der Angewandten Kunst aus Frankreich, Grossbritannien, Italien, Österreich und Spanien; 5. die Klassische Moderne vertreten durch Henri Matisse, Wassily Kandinsky, Gabriele Münter, Paul Klee und Lotte Reiniger; 6. die Gegenwartskunst mit Werken von Anila Quayyum Agha, Nevin Aladag, Baltensperger + Siepert, Marwan Bassiouni, Gülsün Karamustafa, Bouchra Khalili sowie einer eigens für die Ausstellung kreierten Tonarbeit von Clara Laila Abid Alsstar und Muhammet Ali Bas. Auf einem offen angelegten, farbenprächtigen und transhistorisch angelegten Rundgang konnten die Besuchenden rund 170 Zeichnungen, Aquarelle, Gemälde und Fotografien, Objekte aus Metall, Keramik und Glas sowie Textilien, Videos, Installationen und einen Animationsfilm bestaunen.

Zum Begleitprogramm gehörten Artist Talks mit Nacer Khemir und Parastou Forouhar, ein Talk zum Thema «Cultural Appropriation or Appreciation?» und eine dialogische Führung zum Thema «Out of the Box». Zwei Episoden des Podcasts «IslamicMediaClub» sowie eine mit dem Kino Arthouse organisierte Filmreihe rundeten das kuratorische Vermittlungsprogramm ab.

Unterstützt von der Roswitha Haftmann-Stiftung.

Sandra Gianfreda, Kuratorin

 

GIACOMETTI – DALÍ. TRAUMGÄRTEN

Im Mittelpunkt dieser Ausstellung stand die Zusammenarbeit Alberto Giacomettis (1901 – 1966) und Salvador Dalís (1904 –1989) rund um die Schaffung eines imaginären Gartens in den frühen 1930er-Jahren. Dalí hatte sich 1930 in einer Pariser Ausstellung für eine neuartige Skulptur Alberto Giacomettis begeistert, die legendäre «Boule suspendue». Es folgte die Aufnahme Giacomettis in die surrealistische Gruppe um André Breton. Giacometti freundete sich in der Folge mit Dalí an, mit dem er in den frühen 1930er-Jahren einen fruchtbaren künstlerischen Dialog führte. Dieser wurde in dieser Ausstellung (Szenographie Ulrich Zickler) erstmals gewürdigt.

Dalí und Giacometti trafen sich im Kreis von Charles und Marie-Laure de Noailles, einem avantgardistischen Mäzenen- und Sammlerpaar. Sie imaginierten beide surreale Orte und planten Garten- und Platzanlagen. Um den Austausch zwischen ihnen zu dokumentieren, vereinigte die Ausstellung Gemälde und Zeichnungen Dalís und Skulpturen und Zeichnungen Giacomettis. Zentrales Element der Ausstellung war die erstmals in Originalgrösse rekonstruierte Platzskulptur Giacomettis, «Projet pour une place» (um 1932), die vor dem Hintergrund des intensiven künstlerischen Austauschs mit Dalí zu sehen ist.

Die Ausstellung wurde von der Pariser Fondation Giaco­metti konzipiert. Nach einer ersten Station im Institut Giacometti in Paris konnte sie in Zürich in deutlich vergrösserter Fassung gezeigt werden. Dabei konnte die umfangreiche Gruppe surrealistischer Skulpturen und Objekte Giacomettis aus dem Eigentum der Alberto Giacometti-Stiftung vereinigt werden – inklusive das oben erwähnte berühmte Werk «Boule suspendue». Werke von Luis Buñuel, Giorgio de Chirico und Yves Tanguy ergänzten die Präsentation. Die Ausstellung wurde von einer Publikation bei Editions Fage begleitet.

Unterstützt von Credit Suisse, Partnerin Kunsthaus Zürich, sowie von der Hans Imholz-Stiftung und der Truus und Gerrit van Riemsdijk Stiftung.

Philippe Büttner, Kurator

 

FEDERICO FELLINI. VON DER ZEICHNUNG ZUM FILM

«Ich glaube, dass mir nichts so sehr am Herzen liegt wie die Freiheit des Menschen, die Befreiung des Einzelnen aus den Maschen, den Stricken, den Netzen der moralischen und gesellschaftlichen Konventionen, an die er glaubt oder richtiger, zu glauben meint, und die ihn einschnüren.» (Federico Fellini, «Notizen III», in: Anna Keel und Christian Strich (Hrsg.), Fellini: Aufsätze und Notizen, Zürich 1974, S. 203 – 204). Fellinis (1920 – 1993) Inspirationsquelle war das Leben der einfachen Leute, und doch gibt es kaum einen Regisseur, der so charakterstarke Filmfiguren geschaffen hat! Nachdem das Kunsthaus ihm bereits 1984 eine von Toni Stooss kuratierte Ausstellung gewidmet hat, wurde er dann schliesslich wieder 2021/22 im grösseren Umfang und in Zusammenarbeit mit dem Folkwang Museum in Essen mit 250 Zeichnungen und ebenso vielen Set-Fotografien, spektakulären Kostümen und Requisiten sowie Originalplakaten zusammen mit Filmtrailern von 13 seiner Kult-Produktionen präsentiert. Die Ausstellung hat deutlich gemacht, wie aktuell Fellinis Filme geblieben sind, und dass der Akt des – teils zügellosen – Zeichnens integraler Bestandteil von Fellinis Gesamtwerk ist. Eine Mehrzahl der Zeichnungen und Fotografien stammte aus der Sammlung von Jakob und Philipp Keel. Sie wurden ergänzt durch Filmplakate aus der Sammlung des Deutschen Plakat Museums im Museum Folkwang, Essen. Besondere Note an der Zürcher Station war, dass sie durch wertvolle Leihgaben aus dem 2021 eröffneten Fellini Museum in Rimini sowie der von Fellini-Sekretär Gérald Morin 2001 angestossenen und von Stéphane Marti ausgebauten Fondation Fellini pour le cinéma in Sion mit rund 40 Zusatzleihgaben erweitert werden konnte. Kostüme des oscarprämierten Danilo Donati und das Originalnotenblatt mit Nino Rotas eingängiger Titelmelodie zu «La strada» aus der Sammlung des Dirigenten Graziano Mandozzi rundeten die Auswahl ab.

Im Katalog sowie Rahmenprogramm kamen prominente Stimmen wie Patti Basler, Tobias Burg, Nora Gomringer, Gérald Morin und Stefan Zweifel zu brisanten Themen wie überspitzte Geschlechterbilder oder auch die fellinieske Traumästhetik zu Wort.

Unterstützt von der Truus und Gerrit van Riemsdijk Stiftung und der Dr. Georg und Josi Guggenheim-Stiftung.

Cathérine Hug

 

NIKI DE SAINT PHALLE

Anfang September begann die lange geplante Ausstellung zu Leben und Werk von Niki de Saint Phalle (1930 – 2002). Ziel der Präsentation im grossen Ausstellungssaal war, sie als eigenständige Künstlerin und ausserordentliche Persönlichkeit zu zeigen, ihre herausragende Position in ihrer Generation zu dokumentieren und für ein grosses Publikum erfahrbar zu machen. Die Retrospektive war nur scheinbar ein Heimspiel, denn Niki de Saint Phalle ist tatsächlich in der Schweiz nur selten mit monografischen Ausstellungen gewürdigt worden, und auch im Kunsthaus hatte sie erstmals einen derart grossen Auftritt. Kuratiert von Christoph Becker (es war seine letzte Ausstellung für das Kunsthaus) und mit tatkräftiger Unterstützung von Rhiannon Ash, Franziska Lentzsch und dem gesamten Team gelang es, rund einhundert Leihgaben aus dem überaus reichen und vielseitigen Schaffen zu gewinnen – Werke, die für ihre künstlerische Karriere beispielhaft sind. Darunter waren nicht nur die Modelle und Maquetten für einige ihrer berühmtesten Aktionen, eine Reihe der frühen Schiessbilder und äusserst fragile, teils bewegliche Assemblagen, teils im monumentalen Format, sondern auch Dokumente zu ihrem wechselvollen Leben und zu ihrer Arbeitsweise mit Zeichnungen, Grafiken und Fotografien. Dank guten Kontakten und intensiven Verhandlungen mit Kolleginnen und Kollegen in Institutionen, darunter vor allem in Hannover, Fribourg, Nizza und Stockholm, und durch die exzellente Zusammenarbeit der Restauratorinnen und Restauratoren konnten einige der fragilsten Arbeiten präsentiert werden, die nur selten für Ausleihungen zur Verfügung stehen. Die frei im weiss gestrichenen Raum platzierten Kabinette liessen dem grossen Ausstellungssaal im Wechsel von Tages- und Kunstlicht seine Grosszügigkeit, schufen Ein- und Durchblicke für die ausgeklügelte Inszenierung, die mit der interessanten und dramatischen Biografie sowie Zitaten die Künstlerin gleichsam selbst immer wieder zu Wort kommen liess. Dank der maximalen Ausnutzung unserer logistischen Möglichkeiten konnten einige sehr grosse Werke gezeigt werden, etwa das düstere Bronzepferd oder der bunt-glitzernde Totenkopf und die überlebensgrossen bunten Nanas, die sie für den öffentlichen Raum schuf. Das Publikum dankte es mit grossem Zulauf, die mediale Berichterstattung war positiv, der Katalog hatte rasch eine zweite Auflage und der Shop verzeichnete erfreuliche Umsätze. Nach dem Ende der Ausstellung, die um eine Woche bis Mitte Januar verlängert wurde, reisten die Werke an die zweite Station in der Schirn Kunsthalle in Frankfurt am Main.

Unterstützt von der Credit Suisse – Partnerin Kunsthaus Zürich – und von La Prairie Switzerland.

Christoph Becker

 

Aristide Maillol. Die Suche nach Harmonie

Die im Kunsthaus gezeigte Ausstellung wurde im Musée d’Orsay, Paris, als einmalig komplette Überblicksschau konzipiert und vereinigte über 140 Werke. Neben Skulpturen – darunter ein Grossteil der Hauptwerke des Künstlers – wurden auch Gemälde einbezogen. Maillol (1861 – 1944) hatte seine Karriere als Maler begonnen und schuf in dieser Gattung qualitätvolle Werke, die ausserhalb Frankreichs bislang wenig bekannt sind. Der Fokus der Ausstellung lag auf der reichen Schaffenszeit vor dem Ersten Weltkrieg, als Maillol sich der Bildhauerei zuwandte. Ausserdem waren dekorative Objekte, von Maillol entworfene Tapisserien, Zeichnungen und druckgrafische Werke zu sehen. Gemälde von Zeitgenossen wie Maurice Denis oder Édouard Vuillard ergänzten die Ausstellung und machten Maillols Nähe zu diesen Künstlern erfahrbar.

Begleitend zur Ausstellung und dem umfangreichen Katalog der Ausstellung im Musée d’Orsay entstand im Kunsthaus eine Publikation, die den Blick des männlichen Künstlers auf das Motiv des weiblichen Aktes zu hinterfragen sucht. Ziel der Publikation war es, Maillols Werk in einen aktuellen Kontext zu stellen, indem eine seiner Skulpturen auf rund 20 Arbeiten von Künstlerinnen aus der Kunsthaus-Sammlung traf und in einen ästhetischen Dialog trat.

Die Ausstellung war eine Kooperation des Kunsthaus Zürich mit den Musées d'Orsay et de l'Orangerie, Paris, und La Piscine – Musée d’art et d’industrie André Diligent, Roubaix, und wurde mit der grosszügigen Unterstützung der Fondation Dina Vierny - Musée Maillol realisiert.

Ioana Jimborean

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